Pseudo- und Parawissenschaft Video

Natur = Gut, Unsterbliche Ideen – Teil 2

Zu den wirklich bitteren Wahrheiten gehört: Es gibt Dinge, die selbst mir schleierhaft sind. Zum Beispiel das Überleben von Schwachsinnigkeiten. Ganz ahnungslos bin ich natürlich nicht, auf dem medizinischen Gebiet und in der Pseudowissenschaft habe ich das schon mal erklärt, hier und hier.

Aber im Alltag stellt es mich immer wieder vor Rätsel. Beispiel: Plastikhandschuhe an Feinkosttheken. Völlig sinnlos, trotzdem werden es mehr, anstatt das dieses Vortäuschen von Hygiene wieder verschwindet.

Oder das Bild vom edlen Wilden – den guten Ureinwohnern, die im Einklang mit der Natur gelebt haben. Diese Ausgeburt europäischer Frühspießer-Romantiker-Fantasie ist nicht umzubringen. Ureinwohner waren und sind keine besseren Menschen, ihr Einklang mit der Natur besteht ausschließlich darin, dass sie immer zu wenige waren um ernsthaft Schaden anzurichten und nicht die Macht dazu hatten.

Oder das unsägliche Gleichsetzen von natürlich = gut und dem dazu passenden Stuss Chemie = böse. Ein aktuelles Beispiel ist die „ja, natürlich“ Werbung, in der Brot beworben wird, mit dem, was nicht drin ist – was aus meiner Sicht immer eine absurde Werbestrategie ist. Abgesehen davon, dass die Natur keine Kategorien wie „Gut“ und „Böse“ kennt, sind Natur und Chemie nicht zu trennen. Was glaubt ihr denn, was Lebewesen anderes machen als Chemie? Schlangengift ist auch dann tödlich, wenn die Schlange artgerecht gehalten wird. Andererseits ist gentechnisch hergestelltes Insulin sicherer und genauso wirksam, wie jenes, das man früher aus Schweinen gewonnen hat. Das waren übrigens arme Schweine, denen dank Gentechnik jetzt einiges erspart bleibt.

Eine Trennung in „natürlich“ und „chemisch“ ist kompletter Unsinn, der sich nur einer miserabel informierten Gesellschaft verkaufen lässt. Einer Gesellschaft, die so wissenschaftsfeindlich ist, wie die österreichische, in der heimische Supermärkte Granderwasser verkaufen und ein beachtlicher Teil der Bevölkerung glaubt, nur gentechnisch veränderte Tomaten enthielten Gene.

Solange wir als Konsumenten so dämlich sind, werden sich Produkte mit Hilfe unsterbliche Ideen besser verkaufen als über Qualität. Als Motorradfahrer kann ich zwar gut damit leben, dass sich Produkte über Emotionen verkaufen, aber über im Koma liegende Irrtümer… (muss meiner Meinung nach nicht sein.)

Bild Tomate: cc sanbec; Motorrad: Meins 🙂

12 thoughts on “Natur = Gut, Unsterbliche Ideen – Teil 2

  1. Kurz und gut 😉

    ‚Mein‘ Edeka hat sich kürzlich entschlossen, mit diesem Plastehandschuh-Wahn aufzuhören – und fühlte sich wohl genötigt, der verehrten Kundschaft lang und breit zu erklären warum. Mehrere Aushänge…

  2. Teilweise scheint es den Ureinwohnern sogar gelungen zu sein, erkennbaren Schaden an zu richten. Z.B. gab es wohl nordamerikanische Indianer, die Büffelherden über Abgründe gejagt haben, sich das Beste herausgesucht und den größeren Rest liegen lassen haben. Es gab genug Büffel, sie wurden dadurch auch nicht ausgerottet, aber wenn diese Praxis lang genug verfolgt worden wäre…
    In unserer Kultur scheint das denken in Gegensätzen sehr verankert zu sein, und systemisch zu denken, Vor- und Nachteile abzuwägen wird auch zu wenig gelernz. Ich finde es fängt in der Schule an, da müssten Kurse in Aussagenlogik gemacht werden o.ä., Denken muss gelernt werden. Aber selbst Journalisten schreiben nach Gefühl und Ideologie, lassen viel unter den Tisch fallen, wenn es nicht ins Weltbild passt.

  3. scheint.. gelungen zu sein

    Aber sicher doch, Susanne, bis hin zur Wüstenbildung. Oder einer der bekannteren Klassiker: Die Entbaumung der Osterinsel.
    Irgendwer hat mal formuliert: Falls irgendeine Kultur die Natur in ihrem Lebensraum nicht ausgebeutet hat, dann schlicht und einfach deswegen, weil sie dessen -typischerweise aus technischen Gründen- nicht fähig war.

  4. Beispiel: Plastikhandschuhe an Feinkosttheken.

    Es mag ja sinnlos sein, weil Hände waschen auch genügt. Aber wenn jemand einen Plastikhandschuh trägt nehme ich an, er hat sich damit nicht den Allerwertesten abgewischt. Was die Hände betrifft kann man da nur raten. Vielleicht würde es genügen WENN er sich danach die Hände wäscht, aber nur WENN. 😉

  5. Selbst mit gewaschenen Händen erzeugt man sofort einen sichtbaren Fingerabdruck auf einem Trinkglas. Habe neulich eine Wurstsemmel weggeworfen, weil eine dicke unansehnliche Verkäuferin die Wurst auf ihren fettigen Schmierfingern balanciert hat, bevor sie diese auf die Semmel gelegt hat.

    Gummihandschuhe könnten Abhilfe schaffen, allerdings dürfte man mit diesen dann halt nur Nahrungsmittel berühren, leider ist dies meist nicht der Fall.

  6. @Markus Ein Fingerabdruck durch das Fett der Haut ist kein hygienisches Problem. Die Frage ist ausschließlich, ob genügend gesundheitsgefährdende Keime über die Hände via Wurst bis zu dir kommen. Die Gefahr ist bei guter Hygiene minimal und wird durch Gummihandschuhe nur dann gemilder, wenn die Handschuhe tatsächlich nach jedem Kontakt gewechselt werden (was quasi undurchführbar ist).
    Ob die Verkäuferin übergewichtig und nach deinem empfinden unansehnlich war, spielt für die Keimbelastung keine Rolle.

  7. @ Jörg, sehr reflektiert, bis dann die im Koma liegenden Irrtümer auftauchen, würden sie im Koma liegen wären sie wohl nicht so lebendig wie sie es sind, aber ich verstehe was du meinst.

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