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Der Ruf nach Solidarität

Katze im Garten

Sollen Ungeimpfte ihre Behandlung selber bezahlen, wenn sie an Covid erkranken? Die Frage gefährdet unser Gesundheitssystem aus meiner Sicht stärker als die Pandemie.

Auf den Intensivstationen liegen beinahe nur Ungeimpfte. Österreich dümpelt bei einer peinlichen Impfquote von rund 60 Prozent dahin, mit etwas mehr Einsicht und Vertrauen in die Impfung könnte die Pandemie beendet sein.

Neben dem Ruf nach einer Impfpflicht, taucht noch eine andere Forderung auf: Die Ungeimpften könnten ihre Behandlung selber bezahlen, zumindest teilweise. In einem Interview mit Puls4 sagt dazu die Vorsitzenden der Bioethikkommission:

„Wir haben ein Gesundheitssystem, das auf Solidarität beruht, und die muss auch weiter gelten.“ (Quelle)

Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission

Ich halte diesen Satz für wahr und für die größte Stärke unseres Gesundheitssystems. Aus meiner Sicht schließt er aus, dass Ungeimpfte selber einen Beitrag für ihre Behandlung bezahlen müssen. Die Diskussion um solche Selbstbehalte gab es schon öfter – und jedes Mal führt sie das Solidaritätsprinzip ad absurdum.

Es gibt massenhaft Verhaltensweisen, die auf völlig unsolidarische Weise ein hohes Risiko mit sich bringen und so das Gesundheitssystem belasten: Rauchen, Übergewicht, Risikosport, Alkohol, ungeschützter Sex. Warum sollten wir Rauchern ihre unglaublich teure Krebstherapie bezahlen, warum dem leichtsinnigen Motorradfahrer seine Not-OP, und warum dem dicken Anti-Sportler seine Herz-Op? Ganz einfach: Weil wir alle als Menschen das Recht auf Fehler haben, es also jeden auf irgend eine Art treffen kann und wir als Gemeinschaft für einander im Unglücksfall einstehen. Das ist verblüffend, großartig und wert verteidigt zu werden.

Jeder Mensch bekommt die notwendige medizinische Unterstützung, unabhängig von seinem Status, und vor allem auch unabhängig von seinem Verschulden. Das ist Solidarität und wir alle profitieren davon.

Ist es in einer Pandemie anders, gibt es einen Grund hier von diesem grandiosen Prinzip abzuweichen? Haben sich die Ungeimpften noch unsolidarischer gezeigt als alle anderen Risikogruppen? Haben sie vorab mit dem Solidaritätsprinzip gebrochen und müssen nun bestraft werden?

Wir alle sind ständig unsolidarisch – jeder Liter Benzin den ich verbrauche, jedes Gramm Feinstaub, das ich erzeuge, jedes Produkt, jede Ressource die ich für mich verwende, erhöht für andere das Sterberisiko. Gegen die Covid-Impfung zu sein kann viele Gründe haben: Angst, Fake News, Ideologie, Ahnungslosigkeit, persönliche Erlebnisse, und ja – auch planloser Egoismus. Aber es ist keine prinzipielle Verweigerung von Solidarität und vor allem ist es kein Verstoß gegen geltende Gesetze – und die ziehen nun mal den Minimalrahmen unseres Zusammenlebens.

Auch dass es sich hier um eine ansteckende Krankheit handelt, gibt der Geschichte keinen Sonderstatuts – siehe HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten.

Ich sehe keinen Grund das Solidaritätsprinzip mit einer Forderung nach Selbstbehalten zu untergraben. Im Gegenteil: Ich fürchte mich davor, dass wir irgendwann tatsächlich medizinische Behandlung von Schuld oder Nicht-Schuld abhängig machen. Dann ist das Solidaritätsprinzip am Ende.

PS: Braucht es eine Impfpflicht?

Impfpflicht ist auf vielen Ebenen ein spannendes Thema, leider aktuell nicht aus einer rein akademischen, sondern aus einer sehr real relevanten Perspektive. Mit Bezug auf das oben Gesagte nur ein paar kurze Gedanken dazu:

Die Impfung ist wirksam und sicher, es steht wissenschaftlich gesehen ausser Frage, dass sich alle Erwachsenen (ohne Gegenindikationen) impfen lassen sollten.

Eine Impfpflicht ist nichts Neues und hat in der Vergangenheit schon Gutes bewirkt. Sie könnte die Pandemie so gut wie stoppen.

Sie gefährdet nicht das Solidaritätsprinzip.

Einziges Gegenargument: Menschen gegen ihre Überzeugung etwas zu spritzen, dass gesundheitliche Probleme auslöst – wenn auch viel geringere als die Erkrankung – ist ein extremer Eingriff in die Selbstbestimmtheit. Wenn man bedenkt, dass einige wirklich Angst vor der Impfung haben und womöglich um ihr Leben fürchten, wird das enormen Widerstand erzeugen. Ich möchte auch nicht, dass mir der Staat etwas spritzt, das ich für gefährlich halte. Wir sollten jede andere Möglichkeit so gut wir können zuerst ausschöpfen.

3 thoughts on “Der Ruf nach Solidarität

  1. Zur Impfpflicht: Welche anderen Möglichkeiten sollen wir noch ausschöpfen, bevor wir eine Impfpflicht für notwendig erachten? Vor kurzem gabe es eine Umfrage, die ergab, dass sich 75% der Ungeimpften auf keinen Fall werden impfen lassen, egal was da noch an Kampagnen, Überredungs- und Überzeugungsversuchen oder auch Impfstoffen kommen wird.
    Wie bewegt man diese Gruppe dazu, sich doch impfen zu lassen? Eine Bratwurst wird da nicht reichen. Denn schon der sanfte Druck von verschärften 1G/2G/3G-Regeln lässt einen Teil dieser Anti-Vaxxer im Quadrat springen. Ich bin da zugegebenermaßen ratlos.
    Es gibt aber schon jetzt Forderungen nach einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Diese Diskussionen werden sich intensivieren (müssen). Aus meiner Sicht führt an einer zumindest teilweisen (und evtl. temporären) Impfpflicht kein Weg vorbei, wenn wir nicht noch 3-5 Jahre (bis zur „Durchseuchung“ der Ungeimpften) so weiter wurschteln wollen.

  2. @RainerO
    Die Gruppe, die sich mit guter Aufklärung noch erreichen lässt ist wahrscheinlich wirklich nicht mehr riesig. Aber es gibt schon noch die eine oder andere Ecke, gerade in sozial schwachen Gruppen und mit Migrationshintergrund, die bisher schlecht mit Information erreicht wurden – jene Gruppen, bei denen die Info Peer-to-peer Info entscheidend wäre. Da lässt sich sicher noch etwas mehr tun.
    Eine teilweise Impfpflicht für das Gesundheitssystem und bei allen die mit Schutzbedürftigen arbeiten ist auch aus meiner Sicht notwendig und legitim.

  3. @ Joerg
    Das mit den sozial Schwachen und mit Migrationshintergrund ist ein Bereich, den man verstärken könnte. Aber ob das viel bewirkt? Zugegeben nur eine Anekdote, aber: Meine Frau (Apothekerin) hat eine Kollegin mit südosteuropäischem Migrationshintergrund. Diese will sich, obwohl im Gesundheitssektor tätig, nicht impfen lassen (sie wartet ab; worauf, weiß sie selber nicht so genau). Und damit ist sie nicht alleine. Niemand in ihrere Community ist geimpft.
    Die wird man – wenn überhaupt – nur „peer-to-peer“ erreichen. Aber wer sollen denn diese Multiplikatoren sein, wenn sogar im Gesundheitsbereich Tätige sich weigern? Die Lücke zu einer akzeptablen Durchimpfungsrate (wie z.B. in Dänemark) ist meiner Einschätzung nach viel zu groß, als dass man sie mit dieser mühsamen Kleinarbeit wird schließen können.

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