Diskussionszerstörer: Teil 3: Beweis doch mal…
gepostet am: 17.08.10
gepostet in: Pseudo- und Parawissenschaft, Video
schreib einen Kommentar zu diesem Video
Das erwähnte Posting in seinem natürlichen Umfeld:
“Mein erstes Leben” Die RTL-Nonsens-Show
Teil 2: Informier dich erst mal…
Text:
Gute Nachrichten für alle Gläubigen – ganz egal woran sie glauben:
Sie können nicht unmittelbar widerlegt werden!
Die andere gute Nachricht wäre dann noch, dass sie vermutlich immer der Mehrheit angehören werde, aber daran will ich gerade nicht denken.
Ein Kommentar aus einem Blog: „Ihr lieben Skeptiker…BEWEIST doch einfach SCHWARZ AUF WEISS, dass es all diese Dinge NICHT gibt.“
In meiner Wohnung lebt ein Klon von Selma Hayek, den allerdings nur ich wahrnehmen kann. Beweis mir doch mal das Gegenteil!
Hm- vielleicht sollte ich es mit dem bekannteren Beispiel versuchen:
„Wenn ich behaupten würde, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gäbe, welche auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreise, so könnte niemand meine Behauptung widerlegen, vorausgesetzt, ich würde vorsichtshalber hinzufügen, dass diese Kanne zu klein sei, um selbst von unseren leistungsfähigsten Teleskopen entdeckt werden zu können.“
Bertrand Russell, 1952
Nicht-Existenz kann nicht bewiesen werden – das ist die gute Nachricht für die Gläubigen. Die schlechte Nachricht ist: Muss sie auch nicht. Denn:
Wer Behauptungen aufstellt, ist in der Beweispflicht. Wenn Sie behaupten jeden zweiten Nachmittag auf ihrem unsichtbaren Einhorn auszureiten, ist es nicht mein Job das zu widerlegen. Es ist ihr Job, das zu beweisen. Vorausgesetzt Sie wollen, dass ihnen jemand glaubt.
Behauptungen ohne Belege sind wie Versprechen von notgeilen Männern – völlig wertlos.
Erwarten Sie bitte keine Gegenbeweise, wenn kein Beweis vorliegt. Erwarten Sie keine letztgültige Widerlegung für jede Absurdität, wie beispielsweise Gott, Reinkarnation oder orbitale Teekannen. Niemand kann beweisen, dass es diese Dinge nicht gibt – aber es gibt einfach keinen Grund anzunehmen, dass es sie gibt.



August 17th, 2010 at 12:01 pm
Servus,
ob immer derjenige, der Behauptungen aufstellt, in der Beweispflicht ist, bezweifle ich. Nimm mal einen Experten, dem nimmt man oft auch eine Behauptung schon aufgrund seiner Kompetenz ab.
Ich stimme allerdings der schwächeren These zu:
Wer Existenz-Behauptungen aufstellt, trägt die Begründungslast.
Noch etwas: in bestimmten Bereichen kann man sehr wohl die Nicht-Existenz von etwas beweisen. Beispiel: Ich kann ziemlich schnell beweisen, dass es eine größte Primzahl nicht gibt.
August 17th, 2010 at 3:01 pm
@Herbert
Vielleicht ist er nicht in der Beweispflicht, aber wenn er beispielsweise mit mir diskutiert, dann nehme ich ihn in die Pflicht! Als Methode ist das gar nicht schlecht und auch durchführbar.
Und was die Experten anbelangt: ich nehme niemandem eine Behauptung einfach so ab. Jedes Argument wird überprüft, egal von wem es kommt. Ich muss nur wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Physiker zu physikalischen Themen einige bedenkenswerte Dinge zu sagen hat recht groß ist. Wenn aber Einstein etwas über Bienen gesagt hätte, wäre das nicht von besonderer Relevanz, denn er war ja kein Entomologe.
Vieleicht das nächste Diskussionszerstörerthema, Jörg? “Einstein (Planck, Jesus, …) hat gesagt, dass Tomatensoße besonders lecker schmeckt, wenn…”
So, ich muss jetzt kochen! Servus!
August 17th, 2010 at 3:15 pm
@Herbert
Natürlich ist Beweispflicht relativ, jeder darf natürlich wild vor sich hin behaupten, es führt halt zu nix- egal ob Experte, Priester oder sonst wer.
Zur Pirmzahl: Hilfe, was mathematisches! Bin da kein Experte und beziehe da zur Abwechslung mal nicht Stellung
@Cydonia
Mahlzeit!
August 17th, 2010 at 3:36 pm
Primzahlen sind aber kein Gegenstand von empirischen Wissenschaften. Dass es keine größte Primzahl gibt, das ergibt sich schon aus der Definition einer Primzahl. Insofern hinkt der Vergleich an dieser Stelle.
August 17th, 2010 at 5:02 pm
Schöner blog.
August 17th, 2010 at 10:04 pm
@cydonia
“Und was die Experten anbelangt: ich nehme niemandem eine Behauptung einfach so ab.”
Da ziehst du dich mit dem einfach so einfach so aus der Affäre. Wenn ich z.B. einen Verkehrsunfall habe und der Notarzt sagt: “Nicht bewegen, Ihr xy ist gebrochen” entgegne ich nicht: “Sie behaupten etwas und haben jetzt die Beweispflicht. Bis die nicht erfüllt schere ich mich nicht um Ihre Behauptung.”
Ich gebe da dem Experten einen Vorschuss.
Dagegen muss man die Beweispflicht für Nicht-Existenzbehauptungen sogar rigoros ablehnen und kann es vernünftigerweise sogar.
@Joerg
Ich meine nicht, dass die Beweispflicht relativ ist. Wer die Existenz von Gnomen oder Engeln oder … behauptet hat die Belegpflicht.
@Michael
Wer hat den bisher die Einschränkung auf empirisch gemacht? Ich argumentierte gegen die Aussage:
“Nicht-Existenz kann nicht bewiesen werden”. Das stimmt eben so nicht.
Außerdem arbeitet die Einschränkung auf Empirisches manchem Geisterbehaupter entgegen: er sagt einfach: “Na klar, das sind transzendente Objekte, die kannst du mit deiner eingeschränkten empirischen Methoden nicht erfassen!”
Deshalb ziehe ich es vor: Ohne Einschränkung: Wer die Existenz von X behauptet, hat die Begründungspflicht.
Da halte ich es mit Bernulf Kanitscheider: Der starke Naturalismus sieht die Begründungslast für Existenzbehauptungen bei demjenigen, der sie aufstellt. Bis dahin gilt: Transzendentes gibt es nicht (Die Materie und ihre Schatten, S. 70-71).
Die “Ausrede”, Götter und Engel seien nix Empirisches gilt nicht.
August 18th, 2010 at 3:26 am
@HerbertHuber
Noch konkreter.: Wer die Existenz von X als einzig wahr behauptet, verpflichtet sich zwangsläufig zu einem wiederholbarem Nachweis.
Kürzlich meinte jemand: Wissenschaft kennt lediglich den aktuellen Stand; ist also nie vollkommen bzw. endgültig.
Selbst wenn es eine uns übergeordnete Autorität wie Gott tatsächlich gibt, kann sie sich selbst eventuell auflösen. Wir haben keine Informationen darüber, welche Skills vorhanden sind.
Vielleicht war ja mal ein Gott da – temporär. Fragezeichen lassen sich ausserdem politisch schlecht verkaufen; Menschen suchen bildhaft Ausrufezeichen; brauchen eine “Krücke” um Halt (Sinngebung) zu finden.
Wir – also Du, ich, Joerg, Michael und andere können trotz Unterschiede (Atheist, Philosoph, Esoteriker) mit dem Zweifel und den Fragezeichen leben. Ich kann Dir aber versichern, dass es ernsthaft viele Menschen gibt, welche diesen Zustand innerlich nicht aushalten. Für sie ist der Glaube gemacht …
—
Offtopic
Suche esoterischen, atheistischen oder philosophischen Erklärbär. Kann ein Mensch 24 Stunden am Tag alles reflektieren? Psychotechnisch nicht möglich oder doch?
August 18th, 2010 at 8:52 am
Mit den Fragezeichen leben können- gefällt mir

Nein, 24/7 Reflexion können nur Spiegel
Macht aber nix, wir diskutieren ja auch nicht durchgehend; ich laufe beispielsweise gerne zwischendurch Bällen hinterher…
August 18th, 2010 at 12:56 pm
@ DerEsoteriker
1) Ich stimme dir (sogar abgeschwächt = erweitert) zu:
Wer die Existenz von X behauptet, hat die Belegpflicht.
2) Dass die Wissenschaft nur den jeweiligen aktuellen Stand darstellt ist eine Binsenwahrheit.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das mit dem Fragezeichen richtig verstehe.
Ich kann mich mit agostischen Positionen (ist das dein Fragezeichen?) nicht anfreunden.
Ich finde es falsch zu sagen: Ich bin mir unsicher ob auf dem Sirius ein Doppelburger liegt. Ich habe diese Behauptung weder belegen noch widerlegen. Daher: Fragezeichen.
Meine Position: Existenzbehauptungen stehen in der Belegpflicht („burden of proof“). Die Begründung dafür ist vielfältig.
a) Ich finde es z.B. haarsträubend zu bekennen, ich bin unsicher, ob es die eierlegende Wollmilchsau gibt. Daher Fragezeichen.
b) Nicht-Existenzbehauptungen sind – wenn überhaupt – sehr schwer belegbar. Um die Ontologie nicht unnütz aufzublähen gilt von Haus (by default) aus: X gibt es nicht, solange keine Belege dafür angeführt werden.
c) Solange der Existenzbehaupter seiner Belegpflicht nicht ausreichend nachgekommen ist, gilt: X gibt es nicht.
Also: UFOs gibt es nicht. Gnome gibt es nicht. Russells Teekanne außerhalb der Erde gibt es nicht. Punkt (kein Fragezeichen). Gibt es nicht verhindert nicht, dass diese Objekte z.B. in SF-Romanen vorkommen oder in der Oper etc.
August 18th, 2010 at 1:00 pm
Zwei Korrekturen:
1) “agnostischen Positionen”
2) “Ich kann diese Behauptung weder belegen noch widerlegen”
3) “… ich bin unsicher, ob es die eierlegende Wollmilchsau gibt. Daher Fragezeichen.”
Der Zusatz “Daher Fragezeichen” ist noch Teil der agnostischen These gegen die ich argumentiere. Ich selbst setzte hinter die eierlegende Wollmilchsau kein Fragezeichen. Es gibt sie nicht! Ausrufezeichen.
August 18th, 2010 at 1:00 pm
Es waren drei Korrekturen
November 1st, 2010 at 10:45 pm
Stimmt. Nicht Messbares, Dinge ohne Eigenschaften und Auswirkungen, können nicht gemessen werden. Viele koppeln Ihren Gott/Götter jedoch an Eigenschaften wie z.B. allmächtig und lieb. Darauf kann man dann doch recht leicht antworten, z.B. mit dem Hinweis auf den evolutionären Pfusch und das viele Elend in der Welt.
Tipp: http://gbs-reutlingen.de/doku.php?id=wissen:kreationisten#allgegenwaertiger_evolutionaerer_pfusch
November 29th, 2010 at 9:22 pm
[...] Jörg Wipplinger setzt sich in seinem Video-Blog Die Wahrheit mit dem “Diskussionszerstörer”-Argument “Beweis doch mal [...]
December 27th, 2010 at 7:36 pm
[...] kurzen aber prägnanten Videoclips von Wipplinger, Galileo-Gambit, “Informier dich erst Mal!”, Beweis doch mal…, Idioten und Finale eignen sich nicht nur zum Nachschauen, sondern auch zum entspannten Verlinken, [...]
November 24th, 2011 at 4:07 pm
[...] Teil 3: Beweis doch mal… [...]
November 24th, 2011 at 4:11 pm
[...] Teil 3: Beweis doch mal… [...]